Seit Jahrzehnten ist das Land Steiermark bemüht, sich als starken Wirtschaftsstandort zu präsentieren. Vieles ist gelungen. Dennoch sind längst nicht alle Hausaufgaben erledigt.
Was macht einen attraktiven Wirtschaftsstandort aus? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die simple Formel „Günstige Produktionsbedingungen und gute Erreichbarkeit von Absatzmärkten“ greift zu kurz. Die Bedeutung eines starken Wirtschaftsstandortes kann nicht hoch genug bewertet werden. Nicht zufällig hat die Bundesregierung ein eigenes Ressort im Ministerium dafür eingerichtet: Das Bundesministerium für Arbeit und Wirtschaft nennt sich auch Bundesministerium für „Digitalisierung und Wirtschaftsstandort“. Es ist damit beauftragt, unternehmerfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen und neu zu gestalten – ein Auftrag, der der Erkenntnis folgt, dass Standortpolitik ein wesentliches Steuerungsinstrument der Bundespolitik ist, zumal andere klassische Steuerungsinstrumente – etwa die Budget- oder die Fiskalpolitik – mittlerweile auf die europäische Ebene „ausgelagert“ wurden. Und natürlich profitieren von einer erfolgreichen Standortpolitik nicht nur Unternehmer, sondern auch Arbeitnehmer.
Österreich im guten Mittelfeld.
Wie gut aber sind diese Rahmenbedingungen tatsächlich? In internationalen Standortrankings stehen sowohl Österreich als auch die Steiermark gar nicht schlecht da. Je nach Ranking bewegen wir uns im vorderen Drittel oder im guten Mittelfeld. So spricht eine Studie des internationalen Beratungsunternehmens Deloitte in seinem „Deloitte Radar 2023“ davon, dass Österreich „immer noch ein attraktiver Wirtschaftsstandort“ sei. Allerdings verharre die Alpenrepublik „in den wichtigsten internationalen Rankings seit Jahren im Mittelfeld der Industrienationen“. Das werde, so Deloitte, „langsam, aber sicher zu einem ernstzunehmenden Problem“. Neben multiplen Krisen sei vor allem die Arbeitsmarktsituation ein Hemmschuh für die Weiterentwicklung der Wettbewerbsfähigkeit. „Österreich hält sich im globalen Wettbewerb solide, aber vergleichbare Standorte sind mit Abstand vor uns. Unser Ziel sollten die Top 5 in Europa sein, dafür gibt es aber großen Handlungsbedarf: Vor allem der anhaltende Arbeitskräftemangel gepaart mit der anrollenden Pensionierungswelle bringt Herausforderungen mit sich, denen sich der Wirtschaftsstandort stellen muss“, fasst Harald Breit, CEO von Deloitte Österreich, das Ergebnis zusammen.
Hemmschuh Abgabenquote.
Aber nicht nur der Fachkräftemangel erweist sich als Nachteil gegenüber anderen Industrienationen. Vor allem die hohen Abgaben – Österreich hat die zweithöchste Steuer- und Abgabenquote in der EU – würden die Standortattraktivität mindern, so Deloitte. Während die Abschaffung der kalten Progression ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen sei, seien die Senkung der Lohnnebenkosten und weitere Steuersenkungen auf Einkommen das Gebot der Stunde. Auch von Bundeskanzler Karl Nehammer gibt es ein dahingehendes Commitment: Er fordert eine Senkung der Abgabenquote von derzeit 42 auf unter 40 Prozent – Ziele der Maßnahme seien die Sicherstellung des Wirtschaftswachstums und dass die Produktivität nicht im Keim erstickt werde, so Nehammer in seiner Rede Ende März. Geht es nach ihm, soll dieses Ziel bis 2030 erreicht sein.
Erweiterte Wirtschaftsstrategie.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist auch die steirische Standortstrategie ausgelegt: Die „Wirtschaftsstrategie 2030“ des Landes zielt auf intelligente Spezialisierung und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Wichtig ist die klare Positionierung, sowohl in technischer und organisatorischer als auch in emotionaler und gesellschaftlicher Hinsicht. Diese Strategie bildet die Weiterentwicklung der „alten“ „Wirtschaftsstrategie Steiermark 2025“, die vorrangig auf Innovation und die Förderung junger, wachstumsorientierter Unternehmen abzielte. Mittlerweile begreift die Politik die steirische Wirtschaft nun als Nährboden für „neues Wachstum, neue Chancen und neue Qualität“.
Globale Standortkonkurrenz.
Tatsächlich haben die multiplen Krisen der letzten Jahre gezeigt, dass sich ein Wirtschaftsstandort nicht von globalen Entwicklungen abgrenzen kann. Materialengpässe, Lieferkettenunterbrechungen, logistische Probleme, die Energieversorgung und -bepreisung, der Klimaschutz als prioritäre gesellschaftliche Aufgabe – all das sind Probleme, die nicht alleine in der Steiermark lösbar sind, die aber den Wettbewerb der Standorte massiv verändern. Dazu kommen jene Probleme, die man zumindest auf Bundesebene steuern kann: Inflation etwa, oder der eklatante Mangel an Fachkräften in fast allen Wirtschaftsbereichen. Auf regionaler Ebene trennen heute in Bezug auf die Standortqualität die drei großen Bereiche Arbeitsmarkt, Infrastruktur und Energie die Spreu vom Weizen.
Problem Energiekosten.
Dass das Land mit den vorliegenden Sachprogrammen Photovoltaik und Windkraft die Grundvoraussetzungen für erneuerbare Energien schafft, ist das Eine. Gerade hat man über 700 ha definiert, an denen ohne weitere UVP-Verfahren Photovoltaikanlagen errichtet werden dürfen; die Gemeinden und das Land werden darüber hinaus kleinere Flächen zuweisen, die eine solche Errichtung ermöglichen. Bis 2030 will man völlig unabhängig von fossiler Energie geworden sein. Alleine mit dem Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen wird dieses Ziel jedoch nicht zu bewerkstelligen sein, zumal die Frage der Prozesswärme für die Industrie sich damit nicht beantworten lässt. Die fünf Hochöfen zum Beispiel, die in der VOEST in Leoben-Donawitz im Einsatz sind, werden derzeit noch mit Kohle betrieben. Rund 15 Prozent des österreichischen Gesamt-CO2-Ausstoßes gehen nach einem Bericht des „Handelsblatt“ auf Tätigkeiten der Voestalpine zurück. Ein Potenzial, das gehoben werden muss, weshalb nun die Hochöfen umgerüstet werden – ein Megavorhaben. Man setzt dabei auf Wasserstoff, dessen Herstellung aber energieintensiv ist. Zunächst werden bis 2027 zwei Hochöfen von Kohlebefeuerung auf elektrische Lichtbögen umgerüstet. Der Strom dafür kommt aus erneuerbaren Quellen. Die Dekarbonisierungsstrategie der Voestalpine sieht eine CO2-neutrale Stahlerzeugung bis 2050 vor – sie umzusetzen ist eine technologische und ökonomische Herkulesaufgabe.
Voestalpine zeigt Problemstellungen auf.
Unter anderem auch, weil niemand genau weiß, wo die benötigte grüne Energie herkommen soll. „Die beiden Stahlwerke von Voestalpine in Leoben und Linz benötigen 33 Terrawattstunden pro Jahr“, berichtet das Handelsblatt. Die Zukunft der Stahlerzeugung liegt in wasserstoffbasierten Technologien: Der Wasserstoff muss aber vor Ort erzeugt werden, denn es gibt weder das notwendige Pipelinenetz noch die Möglichkeit, Flüssigwasserstoff bis zu den Hochöfen zu transportieren. Um genügend zu erzeugen, reicht das Angebot an grüner Energie aber hinten und vorne nicht. Wollte man den Bedarf der Voestalpine (und der zu erwartenden elektrogetriebenen Fahrzeuge) decken, müsste man zusätzlich 4.000 Windräder aufstellen – in ganz Österreich gibt es derzeit etwa 1.300. Dazu kommt, dass die Netzkapazitäten nicht darauf ausgelegt sind, den Strom so vieler zusätzlicher Windräder und PV-Anlagen zu transportieren. In der Steiermark arbeitet man darum gerade einen „Masterplan Netze“ ab, der bis 2030 zumindest das steirische Netz dem Bedarf anpassen soll. Dazu ist nach jetzigem Stand eine Investition von mindestens 1,5 Milliarden Euro erforderlich, wobei es mit dem rein steirischen Netzausbau ja nicht getan ist – Experten vermissen immer noch einen bundeseinheitlichen Masterplan für den Netzausbau.
Headquartertauglichkeit fraglich.
Die Wettbewerbsfähigkeit der Steiermark als Wirtschaftsstandort ist auch aus einer anderen Richtung bedroht: Der Ausbau der Infrastruktur, der in vielen Bereichen zügig voranschreitet, in anderen aber hinter den Erwartungen zurückbleibt. Hier gilt: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Die Freude über den Ausbau der Koralmbahn etwa wird getrübt vom Schildbürgerstreich, die Trasse zwar am Grazer Flughafen vorbeizuführen, dort aber keine Haltestelle einzurichten. Damit wird der Airport noch weiter in Richtung Bedeutungslosigkeit gerückt – hinsichtlich der Erreichbarkeit der großen Wirtschaftsmetropolen Europas per Flugzeug ist Graz unterentwickelt. Zudem sollen 2028 auch die Verbindungen Graz–Wien und Graz–Klagenfurt gestrichen werden. Seit kurzem bindet immerhin die Fluglinie Eurowings die steirische Landeshauptstadt wieder stärker an deutsche Destinationen an, was die Headquartertauglichkeit von Graz wiederum etwas hebt.
Pluspunkt Schienenverkehr-Infrastruktur.
Im Schienenverkehr sind mit der Fertigstellung der Koralmbahn (2025) und des Semmering-Basistunnels (2030) zwei Meilensteine gelungen: Die Südstrecke schafft einen neuen Ballungsraum und erschließt einen großen Teil des Baltisch-Adriatischen Korridors neu. Die Weststeiermark vervielfacht damit ihre Attraktivität auch als Wirtschaftsstandort, die verbesserte Verbindung Graz–Wien schafft völlig neue Warentransport-Möglichkeiten.
Alle Hausaufgaben sind allerdings auch hier noch nicht erledigt: Für den Güterverkehr besonders relevant ist der überfällige Ausbau der Pyhrn-Schober-Achse, dringend nötig ist die Anbindung der boomenden Ostregion durch Elektrifizierung der steirischen Ostbahn und natürlich der Neubau einer Bahnstrecke entlang der A2 von Graz nach Gleisdorf. Seit langem auf der Wunschliste der Industrie steht zudem eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Graz in den obersteirischen Zentralraum Bruck an der Mur.
Abgesagt: A9-Ausbau im Süden.
Handlungsbedarf besteht aber nicht nur bei Flugverbindungen und den Schienen-Güterverkehrsachsen. Zur Erschließung des Wirtschaftsraumes gehört in Zeiten des Klimawandels selbstverständlich auch der Ausbau der Straßenverbindungen. Dringend notwendige Projekte wie der Ausbau der ständig überlasteten A9 zwischen Spielfeld und Graz liegen nach Evaluierungen durch das grüne Verkehrsministerium auf Eis – was für viele Wirtschaftstreibende des Wirtschaftsraumes nicht nachvollziehbar ist. Denn entlang der Bahntrasse und der A9 siedeln sich immer mehr Betriebe an, das Cargo Center wird um 10 Hektar vergrößert, Amazon baut ein riesiges Logistikcenter – all das bedeutet noch mehr Verkehr. Auch der Ausbau der Packer Bundesstraße gehört zu den infrastrukturellen Hausaufgaben: Die B70 verbindet den Raum Köflach/Voitsberg mit dem Ballungszentrum Graz. Zwischen Mooskirchen und Krottendorf soll sie ausgebaut werden, wenn die UVP-Prüfung positiv ist, wird mit einem Baustart 2027 gerechnet. Der Lückenschluss würde einen Konjunkturimpuls darstellen, so die WKO, der mit einem Investitionsvolumen von 55 Millionen Euro fast 70 Millionen an zusätzlicher Wertschöpfung ins Land bringen würde.
Knackpunkt Fachkräftemangel.
Das beste Breitband-, Schienen- und Straßennetz, die schnellste, umweltfreundlichste und günstigste Energie helfen nichts, wenn es nicht genügend Arbeitskräfte gibt, um Produkte zu fertigen und sie zu transportieren. „Facharbeitermangel“ – seit Jahrzehnten weisen Industrie und Dienstleister aller Branchen auf diesen Missstand hin. Begünstigt von immer älter werdenden Belegschaften, einem durch die Pandemie sich verändernden Wertemuster, hoher Steuer- und Abgabenlast und dem Rückgang von Personen mit Lehrausbildung wird es immer schwieriger, Arbeitskräfte zu mobilisieren. Der Arbeitsplatz der Zukunft muss auf Homeoffice-Wünsche ebenso Bedacht nehmen wie auf die von politischen Kräften genährte allgemein wachsende Unlust, den Arbeitgebern die eigene Arbeitskraft im Ausmaß der wöchentlichen Vollarbeitszeit von 38,5 Stunden zur Verfügung zu stellen. Nichtsdestotrotz sucht die Gen Z auch Sinn und Sicherheit im Job – was sich angesichts der prekären Situation am Arbeitsmarkt nicht wirklich ignorieren lässt.
Umsatzeinbußen durch fehlendes Personal.
Das Beratungsunternehmen EY, das im Rahmen seines Mittelstandsbarometers österreichweit den Bedarf an Fachkräften abfragt, sieht die Rekrutierungslage in ganz Österreich als zentrale Herausforderung. „Es gibt kaum einen Sektor des österreichischen Arbeitsmarkts, der momentan nicht in Personalnot ist. Besonders stark davon betroffen sind jedoch die Tourismusbranche, der Gesundheitssektor, aber auch die Transportwirtschaft und der Handel. Kleine wie große Betriebe erleiden dadurch auch Umsatzeinbußen. Das bremst die Wirtschaftsdynamik ordentlich ab“, so Erich Lehner, Managing Partner Markets bei EY Österreich. In der Steiermark haben 46 Prozent der Unternehmen „große Schwierigkeiten“, Personal zu finden, und immerhin 49 Prozent „eher große“ Probleme.
Bekannte Lösungsvorschläge.
Die Rezepte dagegen liegen auf der Hand: Qualifizierter Zuzug wäre eine Antwort. Zuwanderergruppen, die laut dem Think Tank Agenda Austria netto zur Erwerbstätigkeit beitragen würden, seien etwa jene aus Deutschland, Ungarn oder Slowenien. Entgegenwirken kann man dem immer größer werdenden Problem mit Qualifizierung und Bildung einerseits und andererseits damit, die Kinderbetreuung massiv auszubauen. Das Land Steiermark hat die Problemstellung erkannt und reagiert bereits entsprechend: Erst im April wurden seitens der Landesregierung zusätzliche 22 Millionen Euro freigegeben, um den steirischen Hochschulstandort in Kapfenberg aufzuwerten: So wird die FH Joanneum in Kapfenberg erweitert werden, um die Ausbildung von über 200 Studierenden im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege zu ermöglichen. Ein neues steirisches „Kinderbildungs- und Betreuungspaket“, das im Sommer dieses Jahres vom Landtag beschlossen wird, sieht eine Summe von 140 Millionen Euro vor, die bis 2027 von Seiten des Landes in steirische Kinderbetreuung fließen soll, der Bund wird noch einmal 130 Millionen Euro zuschießen. Darüber hinaus sieht das Gesetz noch andere wesentliche Änderungen in der Kinderbetreuung und Elementarpädagogik vor, die die Situation deutlich verbessern sollen.
Diese und andere Initiativen der Landesregierung lassen den Willen und das Bekenntnis zur Stärkung den Wirtschaftsstandortes Steiermark deutlich erkennen. Damit diese nachhaltig wirken können, müsste allerdings sichergestellt werden, dass Forderungen wie der nach einer weiteren Verkürzung der Arbeitszeit eine vernunftorientierte Wirtschaftspolitik entgegengesetzt werden kann: Steuern und Abgaben zu senken, bürokratische Hürden abzubauen oder weitere Initiativen am Arbeitsmarkt wie die Aufwertung der Lehre wären einige davon.